Neues Netzwerk für den praxisorientierten Austausch

Das Prinzip des Nachteilsausgleichs hat in den Mittelschulen Einzug gehalten, die Kantone und die Schulen sammeln Erfahrungen im Rahmen der Umsetzung. Nun ist es an der Zeit, den praxisorientierten Erfahrungsaustausch gezielt zu fördern. Zu diesem Zweck wollen wir gemeinsam mit der Stiftung Schweizerisches Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik SZH (ebenfalls eine Fachagentur der EDK) eine Netzwerkgruppe aufbauen, die in diesem komplexen Themenfeld tätig sein wird. Wir sind der Überzeugung, dass der Austausch unter Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Schulen und Kantonen Sicherheit im Alltag schafft und die Qualität von Entscheidungen verbessert.

Netzwerk «Lernen mit einer Behinderung in der Sek II»
Das Netzwerk verfolgt mehrere Ziele: Durch den direkten Austausch – auch über konkrete Fälle – soll eine vergleichbare Praxis an den Mittelschulen erreicht werden. Fachliche Inputs zum Thema tragen zur Kompetenzerweiterung und zur Verbreitung von Wissen bei und fördern den Informationsaustausch zwischen den Mitgliedern. Die Zusammenarbeit zwischen Schulen der Sekundarstufe II (Gymnasien, Fachmittelschulen und Berufsschulen) und der Tertiärstufe wird ebenfalls verbessert.

Das Netzwerk wird gesamtschweizerisch angelegt und sieht vor, dass Vertreterinnen und Vertreter aus allen Kantonen teilnehmen. Wir ziehen auch eine Regionalisierung in Betracht, diese wird sich jedoch im Laufe der Zeit entwickeln. Der Aufbau des Netzwerks wird analog zum gut funktionierenden Netzwerk «Studium und Behinderung» der Hochschulen aufgebaut, die Zusammenarbeit zwischen den beiden Netzwerken ist vorgesehen.

Mitarbeit im Netzwerk – Themenverantwortliche gesucht!
Wir suchen Personen, die in diesem wichtigen und wertvollen Netzwerk mitarbeiten wollen, also Verantwortliche für das Thema Nachteilsausgleich an Mittelschulen (Gymnasien, Fachmittelschulen und Berufsschulen) und in den Kantonen (Mittelschul- und Berufsbildungsämter).

Geplant sind drei halbtägige, nationale Treffen pro Jahr (oder ein nationales Treffen und zwei Regionaltreffen – je nachdem, ob das Netzwerk auch regional organisiert  wird) mit fachlichen Inputs, Austausch über konkrete Fälle und die Erörterung von Fragen. Zwischen den Treffen koordinieren wir gemeinsam mit dem SZH Fragen und Beispielfälle der Netzwerkmitglieder.

Nachteilsausgleich auf Sekundarstufe II

Ein wichtiges Thema in den Schulen

Schulen stellten in den vergangenen Jahren vermehrt spezifische Fragen und schilderten Situationen, die Unsicherheiten beim Umgang mit dem Konzept des Nachteilsausgleichs zeigten. Die Zahl der Anträge auf Nachteilsausgleich, insbesondere zum Ausgleich kognitiver Behinderungen, nahm zum Teil stark zu.

Das Bedürfnis nach Weiterbildung wurde von verschiedenen Akteuren aus der Bildungslandschaft aufgenommen. 2014 behandelten wir erstmals das Thema an einer gesamtschweizerischen Tagung zu der wir die Schulleitungen von Gymnasien und Fachmittelschulen sowie Verantwortliche kantonaler Ämter einluden. An der Tagung wurden Konzepte des Nachteilsausgleichs unter juristischen und systemischen Aspekten diskutiert.

Das Thema ist in den Schulen angekommen. Einige Kantone passten Gesetze und Verordnungen an, andere verfassten Richtlinien für die Praxis an der Sekundarstufe II. Wir befinden uns weiterhin in der Umsetzungsphase und neue Herausforderungen in der Anwendung tauchen auf. Wir unterstützen Schulen, indem wir Lösungsansätze und Erfolg versprechende Massnahmen (best practice) bekannt machen, in entsprechenden Netzwerken diskutieren und den Informationsaustausch zwischen Schulen und Wissenschaft fördern.

Forschungsprojekt zum Thema Nachteilsausgleich

Das Konzept des Nachteilsausgleichs auf Sekundarstufe II ist bekannt, juristisch fundiert und akzeptiert. Nun geht es in den Kantonen darum, die Umsetzung zu gestalten. In der Pädagogik auf Sekundarstufe II ist der Nachteilsausgleich auch ein aktuelles Thema, dennoch wurde es in der Schweiz bisher kaum erforscht. An der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HdH) wird derzeit ein erstes Forschungsprojekt zum Thema Nachteilsausgleich durchgeführt. Darin werden die Verbreitung und die Akzeptanz des Nachteilsausgleichs auf Sekundarstufe II und der Übertritt ins Arbeitsleben von Schüler/innen untersucht, die mit entsprechenden Massnahmen begleitet wurden.

Erste Ergebnisse zeigen, dass die meisten Kantone bei der Umsetzung des Nachteilsausgleichs gut unterwegs sind. Allerdings befinden sie sich in sehr unterschiedlichen Stadien. Dazu wurde von der Forschungsgruppe unter der Leitung von Dr. Claudia Schellenberg ein informativer und interessanter Zwischenbericht erstellt und im Dezember 2016 veröffentlicht. Wir empfehlen diesen Bericht allen Personen, die beruflich mit dem Thema zu tun haben, als Lektüre.

Frau Dr. Claudia Schellenberg wird den Schlussbericht am Subkongress «Nachteilsausgleich auf Sekundarstufe II: Vom Konzept zur Realität» am 30. August 2017 präsentieren und kommentieren. Weitere Informationen zu dieser Veranstaltung finden Sie im nächsten Abschnitt.

Rezension des Artikels «Kinder fördern: Rechtliche und praktische Überlegungen zum Anspruch auf Nachteilsausgleich von Kindern mit Teilleistungsstörungen wie AD(H)S, Lese- und Rechtschreibstörung oder Blindheit.»

Artikel von Dr. jur. Sandra Hotz und Dr. med. Christine Kuhn; veröffentlicht am 24. April 2017 auf www.jusletter.ch.

Dieser insgesamt sehr interessante Artikel unterstreicht die grundlegende Wichtigkeit des Nachteilsausgleichs in der Volksschule und macht konkrete Vorschläge zur Umsetzung. Die Abschnitte über Mittelschule und Hochschulstufen fallen zwar weniger detailliert aus und enthalten eher oberflächliche Informationen.

Die fundierte Analyse über Nachteilsausgleich in der Volksschule ist jedoch auch für die Mittelschulen wichtig: Werden Behinderungen und Teilleistungsstörungen in der Volksschule nicht erkannt, verstanden und behandelt, können diese Kinder ihr kognitives Potenzial nicht unter Beweis stellen. Damit entsteht eine Chancen-Ungleichheit die verhindert, dass sie an einer Mittelschule aufgenommen werden. Konkret bedeutet dies (aus der leistungsorientierten, nicht-Behinderten und akademischen Sicht), dass unsere Gesellschaft kognitiv begabte und hochbegabte Personen «verpasst» und deren Potenziale der Gesellschaft später nicht zu Verfügung stehen.

Der Schluss des Artikels enthält ein sehr gut dokumentiertes Plädoyer für Massnahmen zum Nachteilsausgleich die in Form einer Vereinbarung zwischen der Schule, dem Schüler/der Schülerin und unter Einbezug einer/eines Experten/in gestaltet werden. Die Argumente der Autorinnen sind stark und treffend und sind als Grundlage für eine wirksame Ausarbeitung und Anwendung von Nachteilsausgleich wertvoll.

Die Autorinnen
Sandra Hotz, Dr. iur., RA, ist Oberassistentin der Universität Fribourg und Lehrbeauftragte der Universitäten Zürich und Basel und co-leitet das Projekt «Kinder fördern: Eine interdisziplinäre Studie zum Umgang mit ADHS» (unterstützt von der Mercator Stiftung Schweiz). Christine Kuhn, Dr. med., ist Oberärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK).

Literaturhinweise

 

Literaturhinweise finden Sie im Dokument «FAQ Nachteilsausgleich» der Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik SZH. Es enthält zudem weitere Links auf Positionspapiere von Schulen oder Kantonen sowie auf Rechtsgrundlagen.

Veranstaltungen zum Thema Nachteilsausgleich

2. Tagung Nachteilsausgleich auf der Sekundarstufe II: Vom Konzept zur Realität, 30. August 2017, Bern

Subkongress im Rahmen des 10. Schweizer Heilpädagogik-Kongresses des Schweizer Zentrums für Heil- und Sonderpädagogik SZH

Der Schlussbericht zu dieser Tagung wird voraussichtlich im November 2017 aufgeschaltet.

Das Thema Nachteilsausgleich wird in den Mittelschulen immer dann aktuell, wenn Eltern ihr Kind anmelden und vermerken, dass die neue Schülerin / der neue Schüler eine Behinderung mitbringt. Es folgen Diskussionen, das Erstellen von Attesten, die Klärung von Verfahrensabläufen und schliesslich die Entscheidung der Schulleitung.

2014 hat das ZEM CES (ehem. WBZ CPS) eine erste Tagung zum Thema durchgeführt. Bei diesem Anlass und auch an weiteren Veranstaltungen des ZEM CES in der Deutschschweiz und in der Romandie wurden das Prinzip des Nachteilsausgleichs, seine Grenzen und die aktuelle Rechtsprechung diskutiert.
In den Kantonen wird aktiv an der Umsetzung der Konzepte gearbeitet, und es sind verschiedene interessante Entwicklungen festzustellen. 2017 ist es an der Zeit, die gesammelten Erfahrungen zu betrachten und auszutauschen. Es gilt auch, die bei der Umsetzung und Implementierung aufgetauchten neuen Knackpunkte und praktischen Herausforderungen zu thematisieren und Best Practices zu erörtern.

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Diese Tagung findet im Rahmen des Schweizer Heilpädagogik-Kongresses statt, der alle zwei Jahre vom Schweizer Zentrum für Heilpädagogik SZH organisiert wird. Unsere Entscheidung, innerhalb dieses Kongresses einen Subkongress Sek II zu veranstalten, hat auch damit zu tun, dass sich eine immer breiter werdende Nahtstelle zeigt zwischen den Kompetenzen der Heilpädagoginnen / Heilpädagogen und den Anforderungen der Mittelschule, besonders wenn es um Nachteilsausgleich geht. Die Erwartungen beider Seiten stimmen mitunter nicht überein, da die Ausbildung und die Herangehensweisen nicht dieselben sind.

Wir sind überzeugt, dass direkte Begegnungen es erlauben, im direkten Austausch ein besseres Verständnis der jeweiligen Denk- und Arbeitsweisen zu fördern und freuen uns auf interessante Gespräche.

10. Schweizer Heilpädagogik-Kongress SZH

Der 10. Kongress SZH findet am Dienstag, 29.08. und Mittwoch, 30.08.2017 im VonRoll-Areal in Bern statt. Der Kongress steht unter dem Hauptthema «Die Bedeutung der Neurowissenschaften für die Heil- und Sonderpädagogik».

Informationen zur 1. Tagung vom 30. Oktober 2014

«Nachteilsausgleich für Schüler/innen mit einer Behinderung» war bisher vor allem in der obligatorischen Schule ein Thema. In Zukunft werden aber immer mehr Jugendliche mit einer körperlichen oder psychischen Behinderung (Dys-Störung, autistische Störung oder Aufmerksamkeitsstörung) Gymnasien, Fachmittelschulen oder Handelsmittelschulen besuchen. Diese Schülerinnen und Schüler besitzen zwar die intellektuellen Voraussetzungen für eine Schule der Sekundarstufe II, sie benötigen aber Anpassungen in den Rahmenbedingungen, um ihre Fähigkeiten auch anwenden zu können.

In Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik SZH führten wir am 31. Oktober 2014 in Magglingen erstmals eine Tagung zum Thema Nachteilsausgleich auf der Sekundarstufe II durch. Schulleitungsmitglieder, Lehrpersonen und Verantwortliche aus den Kantonen konnten sich mit Kolleg/innen austauschen und erhielten konkrete Informationen zur Umsetzung.

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Eva Leuenberger

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