Kultur an der Schule bewusst gestalten

Schulen haben in den vergangenen Jahren strukturelle Rahmenbedingungen verändert, um den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen besser gerecht zu werden. Dazu gehörten beispielsweise die Einführung von Qualitätsmanagementsystemen, von neuen Lernformen oder die Integration neuer Medien. Oftmals drangen diese Veränderungen nicht bis in die Alltagspraxis vor, vieles blieb auf halber Strecke stecken oder kam – verglichen mit den Veränderungszielen – lediglich in verzerrter Form bei den Betroffenen an.

Aus der Organisations- und Unternehmensentwicklung ist bekannt, dass nachhaltige Entwicklungsprozesse eines konzentrierten, mehrdimensionalen Vorgehens bedürfen. Erst das Zusammenspiel struktureller und kultureller Gestaltungsansätze macht die Praxis verständlich, handhabbar und auch sinnhaft. Die Kultur einer Schule ist ein entscheidender Schlüsselfaktor, wenn es darum geht, Entwicklungsprozesse so umzusetzen, dass sie in der Praxis zum Tragen kommen und nachhaltige Wirkung entfalten.

In diesem Kontext stellen sich folgende Leitfragen:

Wie beeinflusst die Kulturdimension die Umsetzung von nachhaltigen Schulentwicklungsprozessen?

Wie lässt sich die Kultur einer Schule erfassen und verstehen?

Wie lässt sich die Kultur einer Schule bewusst beeinflussen, beziehungsweise gestalten? Welche Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten hat die Schulleitung?

Culture Change – ein aktuelles Pilotprojekt zum Thema Schulkultur

Unter der Leitung des Schweizerischen Zentrums für die Mittelschule ZEM CES lancierte eine Arbeitsgruppe 2016 das Pilotprojekt «Culture Change: Schulkultur bewusst gestalten». Die Teilnehmenden (Schulleitungspersonen aus der Sekundarstufe II aus der Deutschschweiz) eigneten sich theoriegestütztes Expertenwissen an, welches zu einem vertieften Verständnis von Schulkultur bzw. Organisationskultur von Schulen führt. Dies schafft die Voraussetzungen dazu, die Kultur an der eigenen Schule zu erfassen und zu verstehen. Aktuell führen mehrere der Schulleitungspersonen ein begleitetes Tandem-Peer Review zur Kulturerfassung an der eigenen Schule durch. Flankierend dazu wird das in den Ausbildungssequenzen erarbeitete Wissen aufbereitet und aus dem Unternehmensbereich stammendes Wissen zur Organisationskultur adaptiert auf den schulischen Kontext.

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe zum Pilotprojekt: Martin Baumgartner (ZEM CES), Peter Steiner (PHFHNW), Norbert Landwehr, Markus Hunziker (Lernstatt Bildungsmanagement), Ursula Käser (MBA Kanton Bern).

Vorläufige Erkenntnisse

Die bisherigen Aktivitäten haben die Relevanz des Themas für wirksame und nachhaltige Schulentwicklung eindeutig bestätigt. Gleichzeitig wurde deutlich, wo überall Unsicherheiten und Lücken bestehen und wo ein Handlungsbedarf angezeigt ist.

Ein vertieftes Wissen über die Organisationskultur der eigenen Schule ist von hoher Bedeutung für die erfolgreiche und nachhaltige Gestaltung von Schulentwicklung: Insbesondere für die Weiterentwicklung des eigenen Schulprofils, für die Neustrukturierung oder den Zusammenschluss bestehender institutioneller Einheiten mit unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen oder aber für das bessere Verständnis von sich wiederholenden Dynamiken in bisherigen Entwicklungsvorhaben.

Die Kulturthematik lässt sich einerseits auf der organisationalen Ebene ansiedeln (Organisationskultur), sie verweist andererseits aber auch auf thematisch fokussierte Kulturaspekte (z.B. Feedbackkultur, Qualitätskultur, Führungskultur, Lernkultur, Kooperationskultur).

Ein vertieftes Wissen über thematisch fokussierte Kulturen ist unerlässlich, um Entwicklungsprozesse in den betreffenden Themenbereichen erfolgreich und nachhaltig zu gestalten. So ist beispielsweise die Weiterentwicklung bzw. Vertiefung des Themas «Qualitätsentwicklung bzw. Qualitätsmanagement an Schulen» unter Einbezug der Kulturperspektive ein folgerichtiger und notwendiger Schritt, um mehr Wirkung in der Praxis zu erzielen. Andere aktuelle Entwicklungsthemen wie «schulische Integrationsprozesse» oder «kompetenzorientierte Unterrichtsgestaltung» lassen denselben Bedarf erkennen.

Im schulischen Kontext gibt es bisher wenig praktikable Grundlagematerialien für das Kulturthema. Es fehlt einerseits eine systematische theoretische Aufbereitung der Kulturthematik, was sich u.a. in einer diffusen Verwendung des Kulturbegriffs niederschlägt. Andererseits fehlen Instrumente für eine praktikable Kulturanalyse sowie für die gezielte Weiterentwicklung der Schulkultur bzw. der kulturellen Tiefenstrukturen. Der Transfer der Modelle, Konzepte und Instrumente auf die Schule steckt noch in der Anfangsphase.

So geht es weiter

Wir bleiben am Thema dran. In Zusammenarbeit mit anderen Know how-Trägern entstehen Grundlagendokumente zum Thema Organisationskultur an Schulen und validierte Verfahren und Materialien werden zur Kulturanalyse an Schulen erarbeitet. Geplant sind ferner Qualifizierungsangebote und Inputveranstaltungen. Auf dieser Webseite werden wir dazu aktuelle Informationen, Dokumente, Artikel oder andere Materialien publizieren.

«Volkswagen ist überall» – und was ‚Kultur’ damit zu tun hat»

Ein anregender Artikel von Professor Dr. Stefan Kühl

«(...) Angesichts des Ausmasses der Manipulation bei VW wird jetzt immer wieder die Frage gestellt, wer die technischen Eingriffe angeordnet hat. ‚Ich wüsste zu gerne’, so zum Beispiel Niedersachsens ehemaliger Wirtschaftsminister Jörg Bode, ‚welcher Vollidiot entschieden hat, den Unternehmenserfolg von VW so leichtfertig aufs Spiel setzen’. Aber informale Prozesse in Organisationen gehen nicht auf die Einzelentscheidung eines Topmanagers oder eines Gremiums zurück. Sie schleichen sich langsam ein. (...) Die Schwierigkeiten, solche Regelabweichungen anzusprechen, bezeichnet man in der Organisationswissenschaft als ,Kommunikationslatenz’. Fast alle wissen davon, doch ist Abweichung nicht oder nur unter Überwindung erheblicher Widerstände ansprechbar. Die Herausforderung für Organisationen besteht deshalb darin, dass ihre tatsächlichen Abläufe wegen der vielfältigen Kommunikationslatenzen nur unter grossen Schwierigkeiten überhaupt besprechbar sind (...). »

club_E: Austauschgefäss zwischen Praxis und Theorie

Im Sommer 2008  entstand der «Q-Club» als Austauschgefäss zu Aspekten der Qualitätsentwicklung und Evaluation. Nun wurde er einer Auffrischung unterzogen und unter dem neuen Namen Club_E neu lanciert:

 

club_E - Austausch, Entwicklung und Erörterung

 

Entwicklung: Reflexion von Konzepten und Ideen, Andenken von Handlungen

Echange: regelmässiger und freier Austausch zu Themen der Sekundarstufe II

Erörterung: Diskussionsplattform für Erfahrungen und Praxisbeispiele


Drei bis fünf Mal jährlich trifft sich der Club_E und stellt dabei jeweils ein von den Teilnehmenden eingebrachtes Thema ins Zentrum. Darüber wird intensiv diskutiert, ohne dabei institutionelle Interessen zu vertreten. Diese Anlage bietet den nötigen Freiraum zum Entwickeln von Ideen, zum Reflektieren von Erfahrungen und zum Andenken von Handlungen. Das Spektrum der Themen wird bewusst breit gehalten: Steuerung und Rechenschaftslegung im Bildungsbereich, Professionalisierung des Lehren und Lernens, Qualitätsentwicklung  – um nur einige zu nennen. Bei der Wahl der Themen wird darauf geachtet, die Balance zwischen akademischer Diskussion und der Praxisrelevanz für Schulen zu halten.

Der Club_E steht grundsätzlich allen interessierten Schulleitungsmitgliedern, Funktionsträgern im Bildungsbereich und interessierten Fachpersonen offen, jedoch achten wir auf eine ausgewogene Durchmischung der Gruppe. Die kontinuierliche Teilnahme an der Diskussion ist Voraussetzung dafür, dass die Arbeit im Club im Alltag Früchte trägt.

Kontakt

Pascaline Caligiuri

Martin Baumgartner
E-Mail schreiben
031 552 30 63